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Interview: Wer Väter bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt, fördert die Gleichstellung, sagt Volker Baisch

Interview: Wer Väter bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt, fördert die Gleichstellung, sagt Volker Baisch

Für Väter ist eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtiger denn je. Jedoch können sie ihren Wunsch nach mehr Zeit für die Familie aus unterschiedlichen Gründen immer noch nicht zu ihrer Zufriedenheit umsetzen. www.perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit Volker Baisch, Geschäftsführer der Väter gGmbH und Mitglied im Sachverständigenrat zum Gleichstellungsbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend darüber, welche Kulturveränderungen notwendig sind, damit aktive Vaterschaft in der Gesellschaft zu einer Selbstverständlichkeit wird.

perspektive-wiedereinstieg.de: Studien zeigen: Väter und Mütter wünschen sich, in gleichem Maße erwerbstätig zu sein und sich die Aufgaben in Haushalt und Familie gleichberechtigt zu teilen. Nur 14 Prozent realisieren dieses partnerschaftliche Modell. Wo liegen Ihrer Erfahrung nach immer noch die größten Schwierigkeiten, sich diesen Wunsch zu erfüllen? Welche Erfolgsfaktoren begünstigen es, eine partnerschaftliche Aufgabenteilung zu leben?

Volker Baisch: Es ist noch immer keine Normalität, dass sich Frauen und Männer vor der Geburt eines Kindes den Raum nehmen und die Aufgabenteilung im Zusammenhang mit Beruf und Familie besprechen. Meiner Meinung nach fehlt es hier auch an Beratungsangeboten, die Paare in diesem Prozess unterstützen. Wir machen immer wieder die Erfahrung, wie schnell für werdende Eltern die „Traditionalisierungsfalle“ zuschnappen kann, wenn sie nicht vorab Aushandlungsgespräche geführt haben. Häufig wählen sie beim Elterngeld dann die klassische 12+2-Lösung, d.h. die Mutter nimmt zwölf Monate Elterngeld in Anspruch und der Vater bezieht lediglich die zwei sogenannten Partnermonate. Diese Variante ist allerdings weit von einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung entfernt. Mit dem beruflichen Wiedereinstieg der Frau verfestigen sich häufig diese Arrangements: Der Vater arbeitet meist in Vollzeit, sein nächster Karriereschritt steht an oder ist in Vorbereitung. Die Mutter steigt in der Regel in Teilzeit wieder ein und ist damit schon nicht mehr auf der Karriereschiene. Von dort aus kommt sie gar nicht erst in die Position, sich beruflich weiterzuentwickeln. Das hängt oft damit zusammen, dass das Gros der Vorgesetzten immer noch das Denken vertritt, Führung sei ausschließlich in Vollzeit möglich. Nur wenige Führungskräfte kommen den Frauen entgegen und eröffnen ihnen berufliche Entwicklungsmöglichkeiten auf Basis einer 2/3- oder 3/4-Stelle.

Doch die von mir beschriebene Schwierigkeit bei der Umsetzung partnerschaftlicher Vereinbarkeitsmodelle trägt die Lösung schon in sich. Unternehmen wie zum Beispiel die HSH Nordbank oder Datev fangen an, neue Strategien umzusetzen. Sie laden Beschäftigte, die Elternzeit planen, dazu ein, zusammen mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin ein moderiertes Gespräch zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu führen. Der Austausch wird intern von einer erfahrenen Beraterin oder einem erfahrenen Berater begleitet. Beide Elternteile können ihre Wünsche zu Elternzeitgestaltung, Aufgabenteilung in der Familie sowie beruflichem Wiedereinstieg äußern. Sie erhalten im Rahmen der Beratung Informationen zu den gesetzlichen sowie ggf. zu den betrieblichen Rahmenbedingungen. Hinweise zu Gestaltungsmöglichkeiten erleichtern es, dass sie zu gemeinsamen Vereinbarungen kommen können. Eltern diese Möglichkeit der perspektivischen Planung zur Verfügung zu stellen, ist ein großer Hebel für die Realisierung einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung.

perspektive-wiedereinstieg.de: Für Väter ist die Erwerbsarbeit und damit auch die Versorgung der Familie ein zentraler Bestandteil der Identität. Gleichzeitig wünschen sie sich mehr Zeit für Familie. Was können Väter und Arbeitgeber bzw. Arbeitgeberinnen tun, um diesen Konflikt zu lösen?

Volker Baisch: Zunächst einmal heißt es für Unternehmensleitungen und Führungskräfte, anzuerkennen, dass Väter sich in diesem Spannungsfeld befinden. Ihre Identität wird nicht mehr nur durch die Berufstätigkeit bestimmt, sondern zu einem wesentlichen Teil auch durch Familie und Partnerschaft. Aus diesem Grund suchen die meisten Väter nach Vereinbarkeitslösungen. Das wissen wir aus unseren Befragungen in Unternehmen. Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel. Führungskräfte sollten Väter in ihren verschiedenen Rollen wahrnehmen, für ihre Situation sensibel sein und sie mit familienfreundlichen Maßnahmen sowie flexiblen Arbeitsbedingungen bei der Vereinbarkeit so unterstützen, dass sie beiden Lebensbereichen gerecht werden können. Zudem fordern die Frauen die Verantwortung der Väter in der Familie auch zunehmend ein. Schließlich ist die Elternschaft ein gemeinsames Projekt, zu dem sich beide Elternteile verpflichtet haben.

Damit sich ein Umdenken in Unternehmen vollziehen kann, brauchen Väter Vorbilder. Nach meiner Erfahrung ist hier häufig ein kollegialer Austausch zielführend. In den Unternehmen, mit denen wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, bringen wir Sparringspartner zusammen, d.h. Väter, die Vereinbarkeitshürden bereits genommen haben, mit denjenigen, die Vereinbarkeitslösungen suchen. Es ist wichtig, diesen Erfahrungsaustausch zu fördern. Wir beobachten, dass Männer deutlich weniger geübt darin sind, sich zu Themen wie Elternzeit und Teilzeitphasen mit anderen in Netzwerken oder Communities auszutauschen, als Frauen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Mit dem neuen Elterngeld Plus und dem Partnerschaftsbonus sollen Anreize geschaffen werden, schon frühzeitig partnerschaftliche Aufgabenteilung zu erproben. Aktuell wird das Modell der Familienarbeitszeit diskutiert, bei dem ein ähnlicher finanzieller Anreiz wirken soll, so dass beide Elternteile vollzeitnah in Teilzeit arbeiten können. Nehmen Väter diese Familienleistungen an, so dass für sie eine Entlastung in Bezug auf eine vermeintliche „Ernährerrolle“ spürbar und gleichzeitig eine Gleichstellung von Frauen und Männern im Beruf erreicht werden kann?

Volker Baisch: Zu den Effekten des neuen Elterngeld Plus und des Partnerschaftsbonus lässt sich derzeit noch nichts sagen, da diese Möglichkeiten seit dem 1. Juli 2015 bestehen und in der Regel erst ab dem 15. Lebensmonat des Kindes der Partnerschaftsbonus genommen wird. In meinen Augen sind die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten auch noch nicht ausreichend kommuniziert. Oft werden die neuen Regelungen als kompliziert wahrgenommen. Eine gezielte Ansprache von Vätern, zum Beispiel in Form einer Kampagne, könnte sicherlich dazu beitragen, die Vorteile in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie deutlich zu machen. Am besten wirken hier erfahrungsgemäß gute Beispiele aus der Praxis, so dass Väter konkrete Anregungen erhalten.

Das Thema wach zu halten und für eine aktive Vaterschaft zu werben, ist in jedem Fall zielführend, um die Gleichstellung von Frauen und Männern voranzubringen. In Nordrhein-Westfalen beispielswiese startete im Sommer 2016 eine Väter-Kampagne mit dem Slogan: „Vater ist, was du draus machst!“. Oder in Skandinavien hat man die Gestaltungsmöglichkeiten zum Elterngeld Schritt für Schritt verbessert und die Änderungen entsprechend regelmäßig kommuniziert. Auf diese Weise waren die Optionen für Väter und Mütter immer wieder in den Medien präsent und konnten sich verbreiten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Sie sind Mitglied in der Sachverständigenkommission zum aktuellen Gleichstellungsbericht. Für welche Aspekte setzen Sie sich besonders ein?

Volker Baisch: Für mich steht die Frage der Lohngerechtigkeit ganz oben. Solange Männer mehr verdienen als Frauen, bleibt es ökonomisch sinnvoll, wenn Frauen ihre Erwerbsaktivität zugunsten der Kindererziehung zurückfahren und die Männer eine „Ernährerrolle“ einnehmen. Das von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig vorgelegte Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit  ist in diesem Zusammenhang ein immens wichtiger Schritt. Männer profitieren derzeit noch von dem klassischen intransparenten Lohnsystem. Aktuell beträgt die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen ca. 21 Prozent. Wenn Frauen gleich viel Geld verdienen wie Männer, würde das beschriebene finanzielle Argument, das eine partnerschaftliche Aufgabenteilung in Familie und Beruf derzeit aushebelt, wegfallen. Die Väter bekämen, was sie sich wünschen, nämlich mehr Zeit für die Familie, und die Mütter könnten sich in gewünschtem Maße mehr dem Beruf widmen.

Allerdings muss man auch dazu sagen: Entgeltgerechtigkeit ist das dickste Brett in der Gleichstellungsdebatte, was noch zu bohren ist.

perspektive-wiedereinstieg.de:Welche Tipps geben Sie Vätern, Unternehmen und Frauen, damit sich der Väter-Trend immer mehr multipliziert?

Volker Baisch: Beginnen möchte ich mit den Frauen. Ich möchte ihnen empfehlen, die partnerschaftliche Aufgabenteilung offensiv anzusprechen und einzufordern, denn alle Beteiligten haben davon langfristig Vorteile. Ich kann gut nachvollziehen, dass Mütter gerade am Anfang eine intensive Zeit mit dem Kind verbringen möchten. Aber es ist gut zu lernen, die Verantwortung von Beginn an partnerschaftlich zu tragen und sich gegenseitig genug Raum zu lassen, eigene Erfahrungen mit dem Kind zu machen. Frauen können die so gewonnene Zeit für sich nutzen, zum Beispiel für Erholung, Sport oder den beruflichen Wiedereinstiegsprozess.

Für Führungskräfte ist es wichtig, Väter im Unternehmen gezielt anzusprechen und den Väter-Trend ernstnehmen. Denn eine Rückkehr zu den alten Rollenmustern ist nicht zu erwarten. Väter brauchen vor allem Wertschätzung und Flexibilität. Familienfreundliche Maßnahmen, die Unternehmen in vielen Fällen bereits anbieten, sollten Vätern und Müttern gleichermaßen zur Verfügung stehen. Im Mittelpunkt steht eine Kulturveränderung. Dabei geht es vor allem um die Haltung der Führungskräfte. Wer die im Unternehmen gelebte Väterfreundlichkeit in seinen Netzwerken kommuniziert, hat mittelfristig sicher einen Wettbewerbsvorteil, um Fachkräfte zu gewinnen.

Für die Väter gilt spiegelbildlich Ähnliches wie für die Mütter: Klare Absprachen schon vor der Geburt eines Kindes hinsichtlich der Perspektiven für Beruf und Familie sind von zentraler Bedeutung. Väter, die ihre Verantwortung für die Familie leben oder leben möchten, sind eher dazu bereit, auch einmal Abstriche bezüglich ihrer eigenen Karriere hinzunehmen. Ich rate zu einem Innehalten. Vater zu werden ist ein herausfordernder Übergang. Sich mit anderen Männern auszutauschen, kann hilfreich sein. Wer reflektiert in die neue Situation hineingeht, hat langfristig wesentlich mehr Ruhe und Zufriedenheit in Familie, Partnerschaft und Beruf.